HTX-Betreuung

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PSYCHOTHERAPEUTISCHE UND PSYCHOSOZIALE BETREUUNG VON HERZTRANSPLANTATIONSPATIENTEN

R. Hoevels, B. Schlehofer, S. Zipfel, B. Löwe, W Herzog, G. Bergmann

EINFÜHRUNG

Seit Bestehen des Transplantationszentrums Heidelberg 1989 wurde die Abteilung Allgemeine Klinische Medizin und Psychosomatik zu psychosomatischen Fragen und Problemen in die interdisziplinäre Arbeitsgruppe von Kardiologen, Kardiochirurgen und Pathologen mit einbezogen und hat einen festen Platz in der Betreuung von Herztransplantationspatienten.

Bis heute sind in Heidelberg mehr als 180 Herztransplantationen (HTx) durchgeführt worden, jährlich waren es zwischen 20 und 30 Patienten (Abb. 1).

Im Jahr 1997 wurden 20 Herztransplantationen durchgeführt. Ende des Jahres befanden sich noch 39 Patienten auf der Warteliste (Abb.2), 1993 waren es 88, 1996 warteten insgesamt 62 Patienten auf ein Spenderorgan (Abb. 1).

Vergleicht man im Jahr 1997 die Zahl der Patienten auf der Warteliste mit der Zahl derjenigen, die einer Transplantation tatsächlich zugeführt werden konnten ( 318 vs. 181 ), so ist nachvollziehbar, wie groß der Bedarf an psychologischer Unterstützung für diejenigen Patienten ist, die auf einen solchen lebensrettenden therapeutischen Eingriff warten, zumal mehr als ein Drittel der Patienten im Verlauf der Wartezeit versterben (Abb. 2).

Die Wartezeit beträgt 1997 in Abhängigkeit von der Blutgruppe und der Dringlichkeit zwischen 3 und 17 Monaten (Abb. 3).

Allein der Krankheitsverlauf mit häufig einhergehender Symptomverschlechterung und die Angst, die Wartezeit nicht zu überleben, wirken sich für die Patienten und deren Familie als äußerst belastend aus. Hinzu kommen die Ungewissheit, wann ein Spenderorgan zur Verfügung stehen wird, und die Befürchtungen, die die Operation selbst und die Zeit danach betreffen. Auch in sozialer Hinsicht befindet sich der Patient in einer nicht selten radikal veränderten Lebenssituation. Die körperlichen Beschwerden führen zur frühzeitigen Aufgabe der Berufstätigkeit, und nicht selten sind nur noch reduzierte soziale Kontakte und Aktivitäten durch die eingeschränkte Mobilität möglich. Aus dem Zusammenwirken von verschiedensten psychosozialen Belastungsfaktoren ergibt sich die Notwendigkeit einer psychosozialen und psychotherapeutischen Betreuung.
In einem multiprofessionellen Team von Ärzten, Psychologen, einer Sozialarbeiterin und unter Hinzuziehung eines Klinikseelsorgers wurde in unserer Abteilung ein stufenweise adaptiertes, differenziertes psychotherapeutisch/psychosomatisch orientiertes Behandlungskonzept entwickelt, in die Praxis umgesetzt und wissenschaftlich evaluiert. Neben der klinischen Erfahrung bei der Betreuung und Behandlung dieser Patienten und ihrer Angehörigen stützt sich unser Behandlungsmodell auf eigene Untersuchungen und auf eine inzwischen recht umfangreiche Literatur.

Wir beziehen uns dabei u.a. auf die von Kuhn et al. 1990 beschriebenen phasenspezifischen Stressoren und potentiellen Krisen zu psychosozialen Belastungsfaktoren im Verlauf einer HTx. Sie zeigten auf, dass 64% der Pat. vor HTx an affektiven, kognitiven und verhaltensauffälligen Symptomen litten (Kuhn et al., 1990). Magni & Borgherini (1992) beschrieben, dass bei 35 % präoperativ untersuchten Pat. 20 % mit massiven Angststörungen und mit ausgeprägten depressiven Symptomen reagierten.
Bunzel et al. (1992,1993) aus der Wiener Arbeitsgruppe für Herztransplantation stellten im Rahmen einer Längsschnittstudie die Bedeutung der Familie im Krankheitsverlauf fest. jene Patienten mit ausreichender Empathie, Fürsorge und Unterstützung  seitens des Partners haben die besten Aussichten für einen guten Operationserfolg (s.a. Gier et al., 1988).
In eigenen Untersuchungen konnten wir zeigen, dass es auf dem Hintergrund der verlängerten Wartezeit auf ein Spenderorgan sowohl zu einem signifikanten Anstieg des emotionalen Distresses als auch zu einer zunehmenden Einschränkung der Lebensqualität kommt. Durch die besondere Situation für die Patienten auf der Warteliste bildet sich dabei ein typisches Muster der Kontroliattribution aus (Zipfel et al., 1998).
Die durch zahlreiche Untersuchungsergebnisse bestätigten hohen psychosozialen Belastungen unterstreichen die Notwendigkeit der Unterstützung und Begleitung von Patienten besonders vor der Operation. Dies fordert weitere Angebote zur Stabilisierung und Stärkung des familiären und sozialen Umfelds für Angehörige der Patienten heraus.

DAS INTEGRIERTE HEIDELBERGER MODELL

Die psychosomatische Betreuung, die wir bei Herztransplantationspatienten durchführen, erstreckt sich von der Indikationsphase bis hin zu einem gegebenenfalls langen Zeitraum nach Operation. Wir unterscheiden die Phasen des Erkrankungsbeginns und der Diagnosestellung, der Indikation zur HTx, der Wartezeit, den Operationszeitraum und die postoperative Phase (Abb. 4).
Der erste Zeitpunkt, zu dem wir jeden Patienten sehen, ist noch vor Aufnahme auf die Warteliste zur Herztransplantation. Jeder Patient wird im Rahmen der Transplantationsvorbereitung vor Indikationsstellung einer psychosozialen Evaluation unterzogen. Im Zusammenhang mit der hier stattfindenden psychosozialen Diagnostik zeigt sich, inwieweit eine intensivere individuelle Betreuung indiziert ist.
Spezifische Interventionen werden bei Bedarf zusätzlich angeboten. Es besteht die Möglichkeit von weiteren Einzelgesprächen. Häufig ergeben sich Paar- und Familiengespräche während des initialen stationären Aufenthaltes oder später während der Prä- und Posttransplantationsphase. Zusätzlich werden auch ambulante Gespräche im Rahmen unserer Psychosomatischen Ambulanz angeboten. Gegebenenfalls ist ein Aufenthalt mit längerer Verweildauer von mehreren Wochen auf unserer internistisch-psychosomatischen Station mit psychotherapeutischem Setting möglich.
Im Rahmen unseres integrierten Modells findet die psychosomatische Begleitforschung in den verschiedenen Phasen während des gesamten Transplantationsprozesses statt (vgl. Abb. 4).

PSYCHOSOZIALES INTERVIEW

Das Psychosoziale Interview ist ein wesentlicher Bestandteil unseres Modells. Bei jedem Patienten, der sich in der Indikationsphase für eine mögliche Herztransplantation befindet gehört zur Routine der Vorbereitung neben körperlichen Untersuchungen ein von der psychosomatischen Abteilung in konsiliarischer Tätigkeit durchgeführtes Erstgespräch.
In diesem ausführlichen semistrukturierten Interview wird die psychische und die soziale Situation des Patienten erfragt und eingeschätzt. Die Leitfragen für das Interview (Abb. 5) ergeben das Gerüst für den Bericht, der an die Kardiochirurgen weitergeleitet wird.
Uns interessieren dabei Krankheitsverlauf und Krankheitsverarbeitung, persönliche, familiäre und soziale Ressourcen, die im zukünftigen Krankheitsgeschehen unterstützend für den Patienten wirken können. Es geht auch um die Identifizierung möglicher Defizite im psychischen oder sozialen Bereich, um diese während der Wartezeit auf eine HTx ausgleichen zu können. Einstellungen und Erwartungen des Patienten wie auch der nächsten Angehörigen werden erfragt. Nicht selten realisieren Patienten erst im Laufe dieses gemeinsamen Gesprächs die Dimensionen einer Transplantation, da sonst der stationäre Ablauf in der Vorbereitungsphase alle Kraft in Anspruch nimmt. Diejenigen Patienten, die unsicher in der Entscheidung hinsichtlich einer Transplantation sind, werden bei der Klärung ihrer Fragen durch therapeutisch geschulte Fachkräfte unterstützt.
Das psychosoziale Interview ist fester Bestandteil der Transplantationsvorbereitung und findet noch statt, bevor der Patient auf die Warteliste aufgenommen wird. Dieses erste Gespräch hat für uns nicht nur Evaluationscharakter, sondern es ist auch vertrauensbildende Grundlage für weitere unterstützende Kontakte mit dem Patienten und dessen sozialem Umfeld während der gesamten Wartezeit und nach Operation.
Dabei geht es nicht darum, zwischen weniger und besser geeigneten Patienten für eine Transplantation zu unterscheiden. Ziel des Gesprächs ist es, einen ersten Eindruck darüber zu erlangen, inwieweit psychosoziale Beratung oder psychotherapeutische Unterstützung für eine für den Patienten angemessene Krankheitsverarbeitung während der Wartezeit erforderlich sind und wie ein tragfähiges Arbeitsbündnis erreicht werden kann.
Fokussiert werden die vorhandenen psychischen Ressourcen und die soziale Kompetenz. Zu klären ist, inwieweit Entlastung durch Aktivierung von im Krankheitsverlauf verloren gegangenen Ressourcen, nicht nur im psychischen, sondern auch im sozialen Bereich möglich ist.
Für einige Patienten ist die biografische Perspektive hilfreich, um sich zu erinnern und zu erkennen, wie sie vergangene schwierige Lebenssituationen erfolgreich bewältigt haben. Diese frühere positive Erfahrung kann beispielhaft für die jetzige Situation sein.
Nicht wenigen Patienten fällt trotz schwerster Herzerkrankung der Verzicht auf Nikotin und Alkohol schwer. Mit diesen Patienten versuchen wir Vereinbarungen zu treffen, die ihnen ein stufenweises Reduzieren des Suchtmittels ermöglichen.
Für diejenigen Patienten mit kaum vorhandenen familiären und sozialen Bindungen ist es erforderlich, ein professionelles soziales Hilfsnetz als Unterstützung einzurichten. Die berufliche Situation betreffend, befinden sich die meisten wegen der Erkrankung, aber auch aufgrund ihres Alters (die Mehrheit der Herzempfänger sind zwischen 50 und 65 Jahre alt) in einer schwer zu akzeptierenden Umbruchsituation.
Dieser Problembereich ist besonders bei beruflich bis dahin stark engagierten Patienten zu beobachten. Das Durchsprechen der beruflichen Situation kann erste Impulse setzen, um zu einem realistischen Arbeitsverhalten zu gelangen. In der abschließenden Beurteilung unseres Berichtes folgt die Einschätzung der psychosozialen Situation. Zukünftig zu erwartende Schwierigkeiten auf psychischer bzw. sozialer Ebene werden benannt, Empfehlungen für ein weiteres Vorgehen zur Unterstützung des Patienten werden gegeben, nachdem sie zuvor mit dem Patienten besprochen worden sind.

HERZTRANSPLANTATIONSGRUPPE

Ein weiteres, wesentliches Element in unserem Betreuungskonzept ist neben der individuellen Betreuung die seit 1992 eingeführte offene Patientengruppe. Hauptsächlich ist diese Gruppe für Patienten während der Wartezeit gedacht.

Sie hat in ihrer unterstützenden Funktion in den letzten Jahren durch die länger gewordene Wartezeiten an Bedeutung gewonnen.
Die von einem psychotherapeutisch ausgebildeten Arzt und einer ebenso ausgebildeten Sozialarbeiterin unserer Abteilung geleitete Gruppe findet einmal monatlich statt. Nicht nur alle Wartepatienten werden eingeladen, sondern auch deren nächste Angehörige. Es nehmen regelmäßig ca. 15 bis 20 Patienten und Angehörige teil; das heißt, die Hälfte der Patienten auf der Warteliste zur Transplantation nehmen das Angebot mit ihren Partnern, Familienangehörigen oder anderen Nahestehenden wahr.
Neben Patienten auf der Warteliste können auch diejenigen teilnehmen, die erst kürzlich mit der Aussicht auf eine Transplantation konfrontiert worden sind und sich noch nicht eindeutig für eine Transplantation entscheiden konnten. Sie haben hier Gelegenheit, sich ein Bild von der Situation von sowohl wartenden als auch bereits transplantierten Patienten zu machen. Die Erfahrung zeigt, dass eine Entscheidung nach Teilnahme an einer oder mehreren Gruppennachmittagen leichter fällt.
Einige bereits transplantierte Patienten sind regelmäßig anwesend. Für die Patienten vor Transplantation sind sie wichtige Informations- und Hoffnungsträger. Ihre persönlichen Berichte über Krankheitsverlauf, die Bewältigung der schwierigen Wartezeit, den Transplantationsablauf und den weiteren Weg nach Transplantation werden mit großem Interesse von den übrigen Teilnehmern gehört. Sie tragen wesentlich dazu bei, dass Patienten wieder zuversichtlicher werden und sich während der langen Wartezeit ermutigt und in ihrer Entscheidung zur Operation bestätigt fühlen. Auch für die posttransplanten Patienten ist eine Teilnahme an den Gruppen sinnvoll. Sie haben hier die Möglichkeit, eigene aktuelle Themen einzubringen. Die Schilderung von teilweise traumatisch in der Vergangenheit Erlebtem vor einer verständnisvollen Zuhörerschaft kann dazu beitragen, dieses zu verarbeiten.
Zu einem großen Teil sind neben den Patienten regelmäßig Angehörige in der Gruppe anwesend. Hier finden sie einen Raum, in dem es ihnen möglich ist, Fragen zu stellen und Probleme anzusprechen, die sie im, durch die Erkrankung eng gewordenen, familiären Rahmen nicht verbalisieren würden. Wenn nicht von ihnen selbst ansprechbar, finden sie sich in der Aussage von anderen Teilnehmern wieder und erfahren dadurch Entlastung.
Es hat sich im Laufe der Jahre herausgestellt, dass die Gruppe vielfältige Funktionen übernehmen kann:
Sie hat gelegentlich Selbsthilfegruppencharakter und fungiert als " Informationsbörse". Sie bietet auch " Interaktionsraum" mit professionellen Helfern (Ärzte, Psychotherapeuten, Sozialarbeiter, Seelsorger) und mit ebenso Betroffenen.

Die Gruppe kann auch zum " psychotherapeutischen Raum" werden, in dem supportiv-psychotherapeutische Elemente einfließen. Möglich sind auch familientherapeutische Interventionen. Ebenso ist es möglich, somatische Probleme und Schwierigkeiten bei der medikamentenbezogenen Compliance frühzeitig zu identifizieren.
Die Gruppe kann auf unterschiedlichen Ebenen wirken und dazu beitragen, dass psychische Entlastung stattfindet und modifizierte Verhaltensmuster bei einzelnen Gruppenteilnehmern möglich werden.
Zusammenfassend ergeben sich für die Transplantationsgruppe folgende Ziele:

  • Vorbereitung zur und Einstellung auf die Herztransplantation
  • Positive Identifikation mit anderen
  • Psychische Entlastung von Patienten und Angehörigen
  • Antizipieren von möglichen Schwierigkeiten
  • Psychische Stabilisierung
  • Raum für soziale Kontakte

Eine erste interne Evaluation ergab eine hohe Akzeptanz der Gruppenveranstaltungen. 70 % der Teilnehmer fühlten sich durch das Gruppenangebot ausreichend versorgt. 30% verlangten nach ergänzenden Einzel- und Paargesprächen. Diese Patienten nahmen unsere unmittelbar vor der Transplantationsgruppe stattfindende Sprechstunde in Anspruch bzw. konnten über die Psychosomatische Ambulanz Einzel- oder Familiengespräche erhalten oder auf unserer psychotherapeutisch orientierten Station betreut werden.
Aus der Transplantationsgruppe heraus entstand 1993 mit unserer und der Unterstützung von Kardiologen eine Selbsthilfegruppe. Die Mitglieder sind entweder bereits transplantiert oder warten noch auf ein Spenderorgan. Auch Angehörige und einige Ärzte sind Mitglieder des Vereins. Hier können die während der Wartezeit und in der Patientengruppe geknüpften Kontakte zu Betroffenen erhalten und intensiviert werden.
Zu den Aktivitäten des Vereins, der heute ca. 150 Mitglieder zählt, gehören Jahresfeste, Wanderungen, eine Sport- und eine Kochgruppe, aber auch die Teilnahme an Veranstaltungen, in denen Öffentlichkeitsarbeit z.B. zur Gewinnung von Organspendern geleistet wird. Der Verein übernimmt die soziale Betreuung von einzelnen Vereinsmitgliedern und bringt eine eigenes Vereinsblatt, das " Herzblatt", heraus.
Ein weiteres Detail, das die prinzipiell gute Zusammenarbeit im Transplantationsteam und die engmaschige, für die Patienten niederschwellige Betreuung demonstriert, ist die von Kardiologen zusammengestellte Broschüre mit Informationen über die Zeit nach Herztransplantation mit dem Titel " Neues Herz - was nun?"

Fallbeispiel

Das folgende Fallbeispiel soll die Arbeit im Rahmen des integrativen Modells erläutern. Die Kasuistik beschreibt die Situation eines Paares sowohl in der präoperativen Phase als auch in der Zeit nach Transplantation.
Der Patient Herr A. wurde von uns das erste Mal gesehen, nachdem er sich seit vier Wochen mit einer terminalen Herzinsuffizienz auf unserer internistischen Station befand. Eine Herztransplantation war bereits ins Auge gefasst und von den behandelnden Ärzten mit dem Patienten besprochen worden, unser Konsildienst für das anstehende Psychosoziale Interview informiert. Zu diesem Zeitpunkt hatte der Patient bereits zahlreiche Untersuchungen zur Vorbereitung auf eine mögliche HTx hinter sich. Er erwies sich als stimmungslabil und begegnete allen mit Ungeduld und Gereiztheit. Mit lauter Stimme verkündete er, dass er die noch ausstehenden Untersuchungen nicht mehr mitmachen wolle, "da es jetzt genug sei". Er wolle nun endlich auf die Liste zur Transplantation und nach Hause entlassen werden. In einem Gespräch mit dem Stationsarzt konnte sich der Patient auf die abschließende Diagnostik einlassen.
Im Psychosozialen Interview überwog während des ersten Kontaktes mit dem 54jährigen Patienten die misstrauisch - ungeduldig - fordernde Haltung gegenüber der Interviewerin. Den gestellten Fragen zur aktuellen Lebenssituation begegnete der Patient mit polternder lauter Stimme und mit deutlicher Irritation. Er empfinde solche Befragung als zudringlich und unnötig.
Im Verlauf von zwei weiteren Kontakten war die seit Erkrankung des Ehemannes nicht mehr berufstätige Partnerin anwesend. Sie übernahm die ihr vertraute Funktion der loyalen Vermittlerin und Übersetzerin dessen, was ihr Mann aggressiv hervorbrachte. Sie sprach mit ausgleichender leiser Stimme und beschwichtigenden Worten - mit sichtbarem Erfolg. Die Evaluation konnte mit dem jetzt gesprächsbereiten und sich jovial gebenden Patienten zu Ende geführt werden.
Folgende Problembereiche stellten sich im Interview heraus:
Herr A. reagierte auf die sich in den letzten Monaten massiv verschlechternde Herzerkrankung und auf die Transplantationsaussicht mit stark ausgeprägter Angst und Depressivität, überlagert von Gefühlen der Unruhe, Sorge und Anspannung mit externalisierender Tendenz und der Neigung zu nicht voraussehbaren Impulshandlungen.
Seit dem vor 5 Jahren aufgetretenen Herzinfarkt hatte der Patient seinen Zigarettenkonsum auf 15 Zigaretten täglich reduziert. Weniger Rauchen könne er beim besten Willen nicht. Das Trinken habe er hingegen leicht aufgeben können. Das noch immer ausgeprägte Suchtverhalten und die auf Station beobachteten nicht einschätzbaren impulsiven Äußerungen ließen die Frage einer zuverlässigen Compliance offen.
In der von den Eheleuten als stabil geschilderten, erst wenige Jahre dauernden zweiten Ehe wurde seit der Erkrankung die Schwierigkeit der Eheleute deutlich, die durch die Erkrankung radikal veränderte Lebenssituation zu verkraften und die gewohnte Rollenverteilung einzuhalten bzw. diese den neuen Gegebenheiten anzupassen.
Der bis vor 12 Monaten als Hausmeister tätige, anschließend frühberentete Patient hatte sich seit dem unfreiwilligen Ruhestand schwer getan, sich zuhause zu beschäftigen. Die Spaziergänge mit dem Hund seien tägliche Lichtblicke gewesen, aber nun wegen starker Atembeschwerden auch nicht mehr möglich. Kontakte zu vermeintlichen Freunden hätten sich sehr reduziert. Er sei sehr enttäuscht darüber. jetzt, da er krank sei, könne er nicht mehr ganze Gesellschaften unterhalten und zum Lachen bringen. Deshalb hätten sich die meisten Bekannten und vermeintliche Freunde zurückgezogen.
Hier wurde die Art des Patienten, sich kategorisch zu äußern, schwer veränderbare Einstellungen und festgefügte Verhaltensmuster zu entwickeln, sichtbar. Es wurde der Mangel an tragfähigen sozialen Kontakten, der möglicherweise schon vor Erkrankung tendenziell bestand, erkennbar. Die damit einhergehende fehlende Möglichkeit der Entlastung der 15 Jahre jüngeren Ehefrau war nachvollziehbar. Sie war zur alleinigen Ansprechpartnerin für ihren bis vor einiger Zeit noch vitalen, in allen Bereichen dominierenden und geselligen, jetzt zeitweise hinfälligen Mann geworden.
In den Gesprächen wurde spürbar, wie verunsichert und überfordert Frau A. mit dieser ungewohnten Situation war. Durch die Erkrankung hatte sich viel verändert, und ein Gefühl der Ängstlichkeit und Hilflosigkeit hatte sich bei ihr eingestellt, das jedoch nicht zur Sprache kommen durfte. jedes neu auftauchende Problem musste verschwiegen werden, so dass sich die bis dahin recht offene Kommunikation veränderte.
Es stellte sich auch heraus, dass die finanzielle Situation seit Berentung von Herrn A. durch die relativ hohe Wohnungsmiete knapp geworden war.
Nachdem die eben geschilderten Problembereiche deutlich geworden waren, wurde ein Behandlungsprogramm entwickelt und mit dem Patienten und dessen Frau besprochen. Mit beiden konnte durch die mehrmaligen Kontakte noch während des Klinikaufenthaltes eine Vertrauensbasis hergestellt werden, eine wesentliche Grundlage für das weitere Vorgehen.
Es wurden Gesprächskontakte nach stationärer Entlassung in regelmäßigen Abständen vereinbart. In telefonischen Kontakten sollten die finanziellen und sozialrechtlichen Fragen geklärt werden. Schritte zur stufenweisen Reduzierung des Rauchens wurden mit dem Patienten verhandelt. Um eine weitere Entlastung für das Paar zu erreichen, wurde der kontinuierliche Besuch der Transplantationsgruppe dringend empfohlen und supportive Gespräche in unserer Psychosomatischen Ambulanz bei Bedarf vereinbart.
Anlässlich einer ambulant geplanten Kontrolluntersuchung wurde einige Wochen später ein gemeinsames Gespräch mit dem Patienten, dem Assistenten der Transplantationsambulanz und uns vereinbart. Sinn dieses Kontakts war es, für den Patienten die ambulant-stationäre und die kardiologischpsychosomatische Vernetzung transparenter zu machen. Hinsichtlich der stationär eruierten Problembereiche sollte dem Patienten auf diese Weise der Beginn eines kontinuierlichen Kontakts zur Erarbeitung von Lösungsperspektiven deutlich gemacht werden.
Das Ehepaar folgte nach stationärer Entlassung regelmäßig unseren Einladungen zur Transplantationsgruppe. In diesem Rahmen konnten sich beide Partner in den Äußerungen gleichermaßen Betroffener wiederfinden und bewusst die vertauschten Rollen wahrnehmen. Es war ihnen möglich, Gefühle und Gedanken in der Gruppe anzusprechen, ohne den Partner zu sehr zu belasten. Erste soziale Kontakte wurden geknüpft, der Beitritt in den Transplantationsverein beschlossen.
Nach erfolgreicher Transplantation war es dem Patienten ein Anliegen, die Gruppe an seinen Erfahrungen und bestandenen Nöten teilnehmen zu lassen und andere Teilnehmer auf ihrem Weg zu ermutigen. Gleichzeitig hatte er damit Gelegenheit, ein Stück weiter bei der psychischen Verarbeitung der vergangenen Ereignisse zu gehen.
Nachdem mehrere Monate vergangen waren, kam das Ehepaar in unsere Sprechstunde und bat um Gespräche zur Bewältigung ihrer sich erneut als schwierig gestaltenden Paarbeziehung. Die Ehefrau hatte inzwischen angefangen, wieder zu arbeiten, und stand dem Partner nicht mehr, wie seit langem gewohnt, in gleichem Ausmaß zur Verfügung. In einem Paargespräch wurden diese neuen Aspekte besprochen.

SCHLUSSBEMERKUNG

Wie im Beispiel des Patienten Herrn A. beschrieben, sind im Verlauf der Wartezeit und nach einer Herztransplantation schwierige Situationen und Konflikte auf individueller und interpersoneller Ebene zu bewältigen.
Häufig - so ist unsere Erfahrung in der klinischen Praxis - kann eine Eskalation während der Wartezeit bedingt durch die Wechselbeziehung von psychosomatischen und somatopsychischen Elementen auf psychischer Ebene besonders im Bereich der Depressivität, aber auch auf der sozialen Ebene bei Herztransplantationspatienten vermieden werden.

Das Ziel der Erhaltung einer relativ guten Lebensqualität trotz Erkrankung und langer Wartezeit ist zu erreichen, wenn der Problembereich frühzeitig identifiziert werden kann, eine rechtzeitige, kontinuierliche Einbindung in den Klinikrahmen und eine supportive psychotherapeutische Behandlung sowie andere geeignete Unterstützungsmaßnahmen während des gesamten Transplantationsverlaufs stattfinden können (vgl. Zipfel et al., 1998).
Das integrierte Heidelberger Modell ist u.E. ein notwendiger Bestandteil des Behandlungskonzepts für Patienten, die sich im Transplantationsprozess befinden.
Es geht hierbei nicht nur um Integration im Sinne einer interdisziplinären und multiprofessionellen Zusammenarbeit. Es handelt sich auch um die Integration des Patienten in einen für diesen häufig schwer zu durchschauenden, komplizierten medizinischen Apparat und in eine neue Lebenssituation.
Der Aufbau von frühzeitigen und kontinuierlichen Kontakten mit den Patienten und dessen Angehörigen über einen größeren Zeitraum hinweg und ein differenziertes, niederschwelliges Angebot sind hilfreich und bewirken nicht nur eine verbesserte Krankheitsverarbeitung, sondern auch eine Optimierung des Arbeitsbündnisses mit dem Patienten.

LITERATUR

Bunzel B., Grundböck A., Schubert M.T. (1992): Krankheitsverleugnung und ihr Einfluß auf die Paarbeziehung nach Herztransplantation, Prax. Psychother Psychosom 37: 36-47
Bunzel B.: (1993): Herztransplantation: Psychosoziale Grundlagen. Thieme Stuttgart
Gier M.D., Levick M.D., Blazina P.). (1988): Stress reduction with heart transplant patients and their families: A multidisciplinary approach. j Heart Transplant, 7 : 342-347
Kuhn W.F., Brennan A.F., Lacefield P.K., Brohm J., Skelton V., Gray L. (1990): Psychiatric distress during stages of the heart transplant protocol. J Heart Transplant, 9 : 25-29
Magni G. and Borgherini G. (1992): Psychosocial outcome after heart transplantation. Im P.). Walter (Ed.): Quality of life after open heart surgery. Dordrecht, Kluwer Academic Publishers, pages 457-467
Zipfel S., Löwe B., Schneider A., Paschke T., Lange R., Zimmermann R., Herzog W., Bergmann G. (1998): Psychological distress in patients awaiting a heart transplantation. j Psychosom. Res., 5 : 415-4 70

 

 

 

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Stand: November 2009